Gibt es noch Benimm-Regeln?

Vor einiger Zeit wurde vermehrt auf Höflichkeit und gewisse Manieren geachtet. Es wurde der Knigge eingeführt und auch ich habe noch eine Erziehung genossen, in der gewisse Höflichkeitsformen Standard waren. Nun muss ich sagen, dass ich nicht zu den älteren Semestern gehöre, mit meinen grade einmal 20 Jahren. Dennoch beobachte ich innerhalb unserer Gesellschaft ein mich schockierendes Bild. Bewusst wurde mir dies erst, als ich anfing an der Kasse zu arbeiten, nebenbei versteht sich. Worte wie „bitte“, „danke“ oder gar „Hallo“ sind so gut wie ausgestorben. Nett Grüßen auf der Straße? Also bitte, allenfalls grüßt man seine Bekannten, aber die eigenen Nachbarn? Wozu? Mir wurde damals etwas anderes gelehrt, ich sagte tatsächlich jedem in unserem Dorf guten Tag – es wurde mir nunmal so beigebracht und ich wurde stets freundlich zurück gegrüßt. Mit der Zeit und einigen Umzügen habe ich jedoch erfahren müssen, dass ich verwundert angesehen werde oder überhaupt nicht zurück gegrüßt wurde, na da habe ich das auch eingestellt und grüße  nun lediglich Nachbarn und Bekannte. Gehe ich jedoch einkaufen, begrüße ich selbstverständlich auch die Kassierer, schließlich erwarte ich eben dies von ihnen und möchte ja auch eine Leistung in Kauf nehmen. Da gehöre ich wohl zu einer Ausnahme. Wie oft begrüße ich als Kassiererin die Kunden und erhalte keine Antwort? Stattdessen wird mir genervtes Gebrummel entgegen geworfen, aber wenn ich dann mal vergesse nach der Payback-Karte zu fragen, dann ist ja was los. Automatisch bin ich unhöflich und generell ein totaler Untermensch. Entschuldigung? Es ist erstaunlich, was man sich alles anhören darf/muss, wenn man an der Kasse arbeitet: „Wie, sie haben studiert und sitzen nun an der Kasse? Großartige Laufbahn.“ Klar, mit 20 Jahren habe ich bereits mein Studium abgeschlossen und natürlich habe ich nur studiert, um an der Kasse arbeiten zu dürfen. „Also, dass mein Einkauf so teuer ist, ist jawohl eindeutig Ihre Schuld!“ Ja, natürlich beeinflusse ich nochmal alle Preise so, dass die Waren die mir aufs Band gelegt werden sich verdoppeln und im Preis erheblich ansteigen. Selbstverständlich laufe ich den Kunden auch im Laden hinterher und packe bewusst teure Dinge in den Korb. An meiner Kasse habe ich halt sonst auch nichts zu tun. „Das ist jetzt aber Ihre Schuld, dass ich meine Payback-Karte nicht mehr vorzeigen kann.“ Aha! Ich bin also schuldig, wenn mir gesagt wird „ne haben wir nicht“, ich dann den Kassiervorgang einleite und ach herrje, nach dem bezahlen hat man doch eine Payback-Karte? Na daran kann ja nur ich Schuld haben. Geht gar nicht anders. Teilweise habe ich wirklich das Gefühl, dass die Menschen ihren Anstand beim Einkaufen gekonnt zu Hause lassen. Ob man nun unglaubliches Verhalten gegenüber Kassierern an den Tag legt, oder im Kleiderladen einfach mal Kleidung auf den Boden wirft á la „die Mitarbeiter räumen das schon weg“, es geschehen unfassbare Dinge, wenn man den Einzelhandel so beobachtet. Da frage ich mich immer, wie es denn bei diesen Leuten zu Hause abgeht. Ist dort der Ehemann schuld an den Kosmetikkosten der Frau? Dürfen Moritz und Lisa all ihre Sachen einfach aus dem Schrank auf den Boden werfen und Mutti räumt das wieder auf? Wird sich da gar nicht Hallo gesagt? Ich staune wirklich jedes Mal auf ein Neues. Ist es wahrlich so schwer im Alltag höflich zu sein? Sind oben genannte Worte so schwierig in ihrer Aussprache? Ich führe leider nicht selten Gespräche zu dieser Thematik, denn nicht nur mir fällt auf, wie wenig Höflichkeiten an den Tag gelegt werden. Seinen Höhepunkt hat es erreicht, als ich an der Kasse ungläubig angesehen wurde, weil ich in der Lage bin Sätze zu sprechen. Es sind also nicht nur die Kunden, sondern auch die Kassierer, denen es an Gesprächigkeit mangelt. Ein Stück weit kann ich dies jedoch verstehen. Unter 10.000 Kunden sind vielleicht 100 dabei, die wirklich interessiert an einem, wenn auch kurzen, Gespräch sind. Dem Rest fällt es doch gar nicht auf, wenn der Gegenüber an der Kasse nichts bis auf den Preis sagt. Ein weiteres Schreckensgespenst sind für mich mittlerweile Restaurant-Besuche. Es ist erstaunlich wie sehr sich die Menschen anbrüllen können, wo sie doch nebeneinander sitzen. Hat man zwei bis drei solcher Brüller-Tische um sich herum ist meines Erachtens das gesamte Essen ruiniert, denn auf die eigene Gesellschaft kann man sich dann nur noch schwer konzentrieren. Spannend wird es für mich immer, wenn Kinder dabei sind. Prinzipiell habe ich nichts gegen Kinder, sonst würde ich wohl kaum in den Ferien als Betreuer arbeiten, aber ich habe etwas gegen schlecht bis gar nicht erzogene Kinder. Ich erwarte von keinem Kind, dass es ruhig am Tisch sitzt und super ordentlich isst, aber ich darf wohl erwarten, dass ein Kind, welches mir gegenüber sitzt mich nicht tritt. Zudem darf ich ebenfalls erwarten, dass ein Kind sein Essen nicht durch das ganze Lokal wirft. Von den Eltern darf ich jedenfalls erwarten, dass sie ihr Kind ermahnen, wenn es eben doch mal mit Essen um sich wirft oder massiv auffällig ist.

Beim Schreiben ist mir aufgefallen, wie einfach die Dinge sind, die mich täglich an den Rand des Wahnsinns treiben. Was ist so schwer daran, zumindest ein bisschen höflich anderen gegenüber zu sein? Wo sind die Manieren geblieben? Es wäre wahrlich schön, wenn das hier geschilderte Bild einfach eine Ausnahme wäre, es ist jedoch leider die unschöne Realität unseres Alltags. Ich frage mich leider viel zu oft, wo die Werte unserer Gesellschaft geblieben sind, bzw. ob es sie überhaupt noch gibt.

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