Stallgeflüster

Während der gemeinsamen Zeit mit Fanny habe ich viele Arten der Pferdehaltung kennenlernen dürfen und konnte mir dadurch ein Bild der für mich „perfekten“ Stallumgebung machen. Gleichzeitig musste ich aber auch Erfahrungen sammeln, die mich alles andere als zufrieden stellten, wodurch ist erst zu meiner Sicht der Dinge kam.Den „richtigen“ Stall zu finden und dort unter zu kommen ist für mich einer der wichtigsten Punkte, wenn es um das eigene Pferd geht. Schließlich verbringt man dort einen Großteil seiner Freizeit, weshalb man sich wirklich wohl fühlen sollte. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass einem sogar die Lust am eigenen Tier vergeht, wenn man keine Lust auf „seinen“ Stall hat. Je mehr Punkte man findet, die einen unzufrieden stimmen, desto weniger motiviert ist man, überhaupt in den Stall zu fahren und umso länger steht das eigene Pferd wartend rum. Was sind also diese besagten Kriterien, nach denen ich einen Stall als gut oder eben weniger gut für meine Bedürfnisse bewerte?

EINS: Die Optik

Das optische Auftreten eines Stalls macht meines Erachtens sehr viel aus. Auch Nicht-Pferdemenschen achten zuerst auf das Erscheinungsbild, wie zum Beispiel die Pflege der Anlage. Ist der Hof, bzw. Stall gut gepflegt, lockt er einen schon eher zum genaueren Betrachten und wirkt automatisch vielversprechend. Ähnlich ist es bei Autos und Wohnungen. Ein geputztes und gut gepflegtes Auto erweckt oft den Anschein neu zu sein und absolut gut zu funktionieren, eine saubere, angenehm eingerichtete Wohnung lässt oft Wohlstand vermuten und lädt zum erneuten Besuch ein. So ist es auch mit den Ställen, denn wenn eine Stallgasse sauber gehalten wird und die Boxen ebenfalls frisch sind, geht man direkt von fleißigem Personal und tollem Ambiente für Pferd und Reiter aus. Sind dann noch die Wiesen und Koppeln einladend groß und die Außenanlage ebenfalls gepflegt, ist das quasi schon der Hauptgewinn. Komme ich im Gegensatz dazu zu einer Anlage wo der Stall ungepflegt und beengend ist, fühle ich mich automatisch nicht wirklich wohl. Bei Offenställen fällt der Punkt mit der Stallgasse natürlich weg, hier muss der Auslauf überzeugend sein und ebenfalls das generelle Erscheinungsbild des Hofes.

ZWEI: Die Möglichkeiten

Natürlich will man in dem Stall, wo man so viel Zeit verbringt, auch seine Ziele verfolgen können, weshalb man sich ein Bild davon machen sollte, welche Möglichkeiten diese Anlage bieten kann. Bin ich ein ambitionierter Turnierreiter oder auch Berufsreiter, werden eine große Halle und Außenplätze nicht fehlen dürfen. Auch eine Führanlage und ein Solarium dürfen dann gerne vorhanden sein und ein Reiterstübchen zum gemeinsamen Beisammensein ist ebenfalls gerne gesehen. Einem anspruchslosen Freizeitreiter, der eh nur ins Gelände will, reicht vermutlich ein kleiner Reitplatz aus, der eh nicht wirklich genutzt wird, da man viel lieber im Gelände unterwegs ist. Für die Horsemanshipler dürfen ein Roundpen und ein Reitplatz mit vielen „albernen“ Hindernissen, wie Flattervorhang, Tonnen, Paletten usw. nicht fehlen. Die Ansprüche gehen also weit auseinander, wodurch man für sich erst einmal entscheiden muss, was man eigentlich will. Ich schätze einen ordentlichen Reitplatz und eine Halle zum Beispiel sehr, komme aber auch mit einem beleuchteten Platz aus, die Halle ist also nur der kleine Luxus für den Winter, den ich ehrlich gesagt auch nicht mehr missen will. Für mich ist es ebenso entscheidend, dass ich ein großrahmiges Ausreitgelände habe, da ich mich gerne draußen aufhalte. Jedoch macht mir die Arbeit auf dem Platz auch Spaß, weil ich hier an mir arbeiten kann und meine kleinen Ziele verfolgen kann. In einem Turnierstall wäre ich vollkommen falsch aufgehoben, ebenso allerdings auch auf einem Hof ohne vernünftige Unterstände (im Offenstallbereich) bzw. vernünftige Stallungen und mit einem unbeleuchteten und nicht wirklich viereckigen Platz. Für mich ist eine Kombination aus „hier kannst Du vernünftig trainieren“ und „hier kannst Du einfach nur Spaß haben“ perfekt.

DREI: Die Sattelkammer

Viele halten eine abschließbare und trockene Sattelkammer für eine Selbstverständlichkeit, was allerdings leider nicht immer der Fall ist. In den vergangenen Monaten / Jahren habe ich sehr viele Arten von Sattelkammern kennengelernt. Diese reichen von Wohnwagen, Containern und Scheunenböden über Schuppen, alte Boxen und wirklich trockene große Räume im Stall. Im Grunde habe ich also alle Stereotypen schon erlebt, wenn es noch mehr Möglichkeiten gibt, nennt sie mir doch gerne mal. Mir ist die Unterbringung meiner Sachen ebenso wichtig, wie die meines Pferdes, schließlich zahlt man für einen Sattel mitunter sehr viel Geld und auch sonst ist es einfach ärgerlich, wenn man permanent neue Dinge kaufen muss, weil die Sachen mit mangelnder Sicherheit verstaut sind. Ein Hof, wo mein Equipment in einem Wohnwagen oder Holzschuppen untergebracht wäre, käme für mich wirklich nicht in Frage, da mir hier das Risiko einfach zu hoch ist. Container und Scheunenböden sind ebenfalls nicht mein Non-Plus-Ultra, damit könnte ich aber leben, da eine genutzte Scheune meist trocken ist und beide Orte sich gut verriegeln lassen. Was ich hingegen nicht so toll finde, ist eine alte Box, die nicht umgebaut wurde, also von außen immer noch wie eine Box aussieht. Das ist mir schon wieder zu riskant und die Luftfeuchte lässt sich so auch nicht unbedingt regulieren. Vollkommen zufrieden bin ich mit dem Standard: ein geschlossener Raum, am besten mit Heizung, Licht und ausreichender Größe. Mit einer vernünftigen Tür und vernünftigen Schloss ist das Aufbrechen nicht mal eben schnell getan und aufgrund des begrenzten Raumes ist die Luftfeuchtigkeit gut regelbar, das Schimmeln von Ledersachen kann also vermieden werden und durch die Heizung ist es auch im Winter immer schön mollig warm.

Für mich unerlässlich ist der Platz für die Aufbewahrung eines Spindes bzw. Sattelschranks. Da man als Pferdebesitzer oft Massen an Equipment besitzt und dieses meines Erachtens nach nicht in offenen Regalen oder gar im Auto verstaut werden sollte, erweisen sich Schränke als sehr nützlich. So können alle Einsteller ihre Sachen von den anderen abgrenzen und es herrscht immer eine Grundordnung, denn wie es in den einzelnen Schränken aussieht, sieht niemand, der diese nicht öffnet. Leider beobachte ich immer häufiger, dass zwar Schränke in den Sattelkammern vorhanden sind, die Einsteller jedoch hierfür eine monatliche Gebühr zuzüglich der Stallmiete zu entrichten haben. Nicht selten gilt dies auch für den Stellplatz für einen Schrank. Da dies für mich zur Grundausstattung eines Pferdemenschen gehört, finde ich solche Regelungen wirklich unfreundlich der Einsteller gegenüber. Anders sieht es für mich aus, wenn der Preis für einen Spind (oder eben den Stellplatz) bereits in der Stallmiete enthalten ist. Zwar ist dies kein wesentlicher Unterschied, jedoch hat man so die Gewissheit einen Schrank nutzen zu können, sobald man den Einstellvertrag unterschreibt, ohne noch zusätzlich etwas vereinbaren zu müssen.

VIER: Die Rechte, Pflichten und der Preis

Natürlich, wenn ich in einen Stall „einziehe“, habe ich Rechte und Pflichten. Diese sind allerdings auch von Stall zu Stall unterschiedlich. Beispielsweise war ich in mehreren Ställen, wo es mein Recht war, die Sattelkammer mitzubenutzen, die Reitanlage zu nutzen und alles was so dazugehört, jedoch war es eben auch Teil meiner Pflichten, mindestens einmal wöchentlich die Koppel abzuäppeln und Miete zu zahlen (logisch). Diese Rechte und Pflichten ändern sich allerdings mit der Preisklasse eines Stalls. In Ställen, wo eine höhere Grundmiete verlangt wird, hat man weniger Pflichten, da es hierfür Personal gibt, welches durch die Miete finanziert werden kann. Man kann also von vornherein danach selektieren, ob man lieber wenig zahlt und mehr tut, oder lieber mehr zahlt und wirklich nur hinfährt um sich mit seinem Pferd zu beschäftigen. Dies sollte man sich auch im Voraus überlegen, um unnötige Stallwechsel zu vermeiden.

FÜNF: Das Klima

Der letzte Punkt, welchen ich bei der Wahl eines Stalls beachte, ist das Klima in der Stallgemeinschaft. Natürlich kann man solche persönlichen Dinge nicht auf den ersten Blick sehen, jedoch empfinde ich den Stallbesitzer und das Personal hierbei schon als sehr aufschlussreich. Ist ein Stallbesitzer eher abweisend und lediglich auf das Geschäft bezogen, ist dies für mich meist der Grund, einen Stall nicht zu wählen, da ich hierbei nicht weiß, wie viel Hilfe ich im Ernstfall erwarten kann. Hierbei ist das Bauchgefühl gefragt, aber auch dieses kann sich täuschen, also ist das Klima auch eher Glückssache, wobei oft die Einsteller untereinander für Stress sorgen. In einem größeren Stall kann man den Leuten, mit denen man nicht gut auskommt, recht leicht aus dem Weg gehen, ist man jedoch in einem kleineren Stall, gestaltet sich das aus dem Weg gehen weitaus schwieriger.

Die Suche nach dem richtigen Stall ist keinesfalls zu unterschätzen, da es so viele verschiedene Punkte gibt, die man beachten sollte. Hat man aber endlich den einen Stall für sich gefunden, weiß man, wo die eigene Messlatte liegt und die weiteren Stallsuchen kann man danach richten. Es wird also einfacher, wenn man erst einmal weiß, was man eigentlich will. Wenn ihr mich fragt, ich habe knapp drei Jahre und vier Ställe gebraucht, bis ich endlich entdeckt habe, was für mich der richtige Stall ist.

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